26 octobre 2008

unsterblichkeit

"mit gutem gewissen sagen können: ich ernähre mich selbst" - wie kann man sich denn mit schlechtem gewissen selbst ernähren? indem man etwas tut, was nicht der persönlichen entfaltung dient, sondern nur dem zweck der ernährung? muss man sich dafür schämen, "einfach" geld zu verdienen um zu leben?

ich konstatiere, dass für frau postic die selbstverwirklichung mit der beruflichen verwirklichung auf gleicher ebene steht. ein produkt des kapitalismus? früher stellte man sich solche fragen nicht. vor der entwicklung der (reichen) individualistischen gesellschaft im kapitalismus arbeitete man einfach, um sich und seine familie zu ernähren. wenn man(n) sich mehr zu einem bestimmten handwerk hingezogen fühlte, spezialisierte man sich darin - soweit die umstände es erlaubten. aber das war's dann auch schon. niemand strebte nach höheren zielen - man konnte schon froh sein, wenn das was man tat, einem einigermassen behagte und genug geld einbrachte.

hatten denn die menschen vor dem kapitalismus weniger das bedürfnis, sich selbst zu verwirklichen, eine essenz im leben zu haben? ich glaube nicht. ich glaube, sie suchten sie nur anderswo. der kampf um's überleben ist ein mühsamer pfad den alle gehen müssen - warum ihn also erschweren indem man ihm noch mehr bedeutung zuschreibt, ihn zum EINZIGEN lebensweg macht? du bist nicht das, was du tust, um geld zu verdienen. denn das würde bedeuten, du kannst nur SEIN wenn du die erwartung erfüllst, dem druck entsprichst. doch den druck machst du dir selbst. du befiehlst dir, nicht mittelmässig sein zu dürfen. deine existenz ist nur dann gerechtfertigt, wenn du mehr als gewöhnlich - herausragend! - bist.

frau postic, ich würde dich so gerne davon überzeugen, dass es für dich als mensch (!) nichts zu beweisen gibt. denn du BIST bereits einigartig. glaubst du wirklich, dein leben wird mehr WERT sein, wenn dein name auf irgendeiner liste grosser forscherinnen oder entdeckerinnen steht? musst du wirklich in die geschichtsbücher eingehen, um gelebt zu haben...?

du inspirierst mich mehr als irgendwer sonst, du gibst mir kraft und vertrauen in mich, weil ich mich von dir verstanden fühle. weil ich mit dir mich selbst sein kann. für mich ist DAS deine essenz, dein wesen - was ich zwar auch nicht "fassen" (dir in worten vorlegen) kann - aber was mich dir genenüber öffnet, dich so wertvoll für mich macht. und daran wird sich nichts ändern, ob du jetzt ein paar neue umwelteinflüsse berechnest oder nicht.

für wen lebst du? für dich, für deine mitmenschen? oder für das geschichtsbuch?

ich muss dir umbedingt kundera's "unsterblichkeit" an's herz, ein buch rund um den gedanken, was die menschen an der unsterblichkeit fasziniert. wir alle wollen irgendwie MEHR sein, als das, was wir sind. wir begnügen uns nicht damit, im leben einfach zu SEIN - wir lechzen danach, eine spur zu hinterlassen, in die geschichte einzugehen. ein eindruck:

"Ein junger Mann, der mit zwanzig Jahren einer kommunistischen Partei beitritt oder mit dem Gewehr in der Hand in die Berge zieht, um mit der Guerilla zu kämpfen, ist fasziniert von seinem Bild als Revolutionär, durch das er sich von den anderen unterscheidet und er selbst wird. Der Ursprung seines Kampfes ist die brennende und ungestillte Liebe zum eignen Ich, dem er ausdrucksvolle Züge verleihen und es dann (...) auf die grosse Bühne der Geschichte hinausschicken möchte, auf die tausende von Augen gerichtet sind; und wir wissen ..., dass die Seele unter intensiven Blicken wächst, dass sie sich aufbläht, immer umfangreicher wird und zuletzt wie ein wunderbares, beleuchtetes Luftschiff zum Firmament hinaufschwebt."

weisst du, auch ich brauche anerkennung, bewunderung, möchte inspirieren und schönes auf meine umwelt übertragen. so viele menschen tun "gutes" oder aufregendes nur um von anderen gesehen, anerkannt zu werden. vielleicht kommen wir um diese lüge nicht herum. vielleicht sind wir keine "moralischen" wesen, haben den begriff nur erfunden, um unser bedürfnis nach anerkennung gerechtfertigt zu stillen. um unser ego zu befriedigen, das immer nur mehr und grösser und besser sein will.

schopenhauer hätte gesagt: das ist ganz natürlich und gehört zum überlebenstrieb der rasse. wenn wir nicht immer alle grösser und besser sein wollen würden, würde sich schliesslich die spezies nicht weiterentwickeln...

Posté par arschblog à 14:57 - Commentaires [0] - Permalien [#]


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