16 décembre 2008

Was ich sonst so mache in meiner Freizeit...

Philosophie trifft auf Hirnforschung – das Kind heisst „aufgeklärter Naturalismus“

Ein Kommentar zum Buch „Freiheit, Schuld und Verantwortung. Grundzüge einer naturalistischen Theorie der Willensfreiheit“ M. Pauen und G. Roth, SV.

Die Einleitung des Buches verspricht einiges: Der „aufgeklärte Naturalismus“ wird vorgestellt; neue Erkenntnisse der Neurowissenschaften werden mit altbewährten Werkzeugen der Philosophie zu einer Theorie verwoben, Begriffe wie Freiheit, Schuld und Verantwortung neu diskutiert. Die beiden Autoren, Michael Pauen, Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und Gerhard Roth, Professor für Verhaltensphysiologie und Neurobiologie an der Universität Bremen, haben beide auch Kenntnisse des „anderen“ Fachs. Das Buch soll dabei nicht bloss eine interdisziplinäre Intellekt-Akrobatik-Übung bleiben – es soll Anstösse geben, wie man heikle strafrechtliche Fragen angeht, beispielsweise wie weit ein Gewalttäter für seine Handlungen zur Verantwortung gezogen werden kann – allerhand für 170 Seiten im Taschenbuchformat. 

Der Freiheitsbegriff

In guter philosophischer Tradition wird zunächst auf 3 von 8 Kapiteln der Begriff der Willensfreiheit definiert. Damit die Handlung einer Person als „frei“ bezeichnet werden kann gibt es 2 Minimalbedingungen zu erfüllen, die Handlung darf nicht unter Zwang stattfinden und sie darf nicht rein zufällig sein. Unter Zwang verstehen die Autoren sowohl äussere als auch innere Zwänge. Wird die Person also von jemand oder etwas anderem zu einer Handlung gezwungen, ist diese nicht als frei zu bezeichnen. Auch innere Zwänge – wie zum Beispiel eine Sucht – führen zu Handlungen die nicht als frei bezeichnet werden können. Zum anderen darf die Handlung auch nicht zufällig sein, sie muss aus den Wünschen und Präferenzen der handelnden Person hervorgehen, ein Prozess der Abwägung von Konsequenzen muss also stattfinden können. Nur wenn eine Handlung in diesen Sinne „frei“ ist, ist es möglich die Person dafür zur Verantwortung zu ziehen – was Konsequenzen auch für das Straftecht hat. Bestraft werden darf also nur jemand, der „frei gehandelt“ hat – doch wie grenzt man dies ab? Wann ist eine Handlung folge der Persönlichkeit eines Menschen und wann ist von Zwang zu sprechen? 

Die Persönlichkeit im Kopf

Eine Willenshandlung setzt die Existenz einer „Persönlichkeit“ voraus, gewisse Handlungsmuster die aus bewussten und unbewussten Präferenzen resultieren. Bei der Ausbildung der Persönlichkeit des Menschen spielen viele Einflussfaktoren eine Rolle, wie zum Beispiel die genetische Veranlagung, die physiologische Entwicklung des Gehirns, die soziale Umwelt und die Alltagserfahrungen. Diese prägenden Faktoren haben ihre Ursachen durchaus auch (und vor allem) ausserhalb des Hirns, jedoch werden sie vom Hirn zu dem verarbeitet und miteinander verknüpft was jeder von uns als seine „Persönlichkeit“ erlebt.

Gedanken und Handlungen beruhen für die Autoren dieses Buches auf neuronalen Prozessen. Dabei wird der hier propagierte „aufgeklärte Naturalismus“ gegen den vorgeworfenen „Reduktionismus“ abgegrenzt: damit der Mensch überhaupt denken kann, bedarf es biologischer Vorgänge im Gehirn. Die Gedanken und Gefühle selbst werden dadurch nicht auf diese biologischen Prozesse reduziert, genauso wenig wie ein Text oder Musikstück auf einen Binärcode reduziert wird, wenn man ihn digital speichert. 

Die Legitimation der Strafe und Bestimmung des Strafmasses

Kritik geübt wird seitens der Autoren an der präventiven sowohl an der retributivistischen Straftheorie. Die Strafe nach heutiger Auffassung des deutschen Strafrechts schützt – präventiv – die Rechtsordung durch Abschreckung und dient auch der Vergeltung der Schuld – also retributiv – des Täters. 

Nach der präventiven Straftheorie, hat die Strafe den Sinn zukünftige Normverletzungen, also gesetzeswidrige Handlungen, zu verhindern. Zur Rechtfertigung von Strafe reichen also die positiven Konsequenzen des Strafens, die Tat selbst oder die Verwerflichkeit des Verbrechens spielt dabei keine Rolle. Die Autoren deuten auf diese gefährliche Situation, denn wenn Prävention und Abschreckung im Vordergrund stehen, lässt sich rein theoretisch auch eine „präventive“ Bestrafung Unschuldiger rechtfertigen.

Bei dieser Argumentation etwas irritierend war, dass nicht darauf eingegangen wird, welcher positive, respektive präventive Effekt aus einer Bestrafung von Unschuldigen zu erwarten, oder überhaupt möglich, ist. Denn wer schon eine Strafe befüchten muss, ohne ein Gesetz zu brechen, wird kaum von einem Gesetzesbruch abhalten werden, da er ja gegenüber dem Unschuldigen keine zusätzlichen Sanktionen zu erwarten hat. 

Die Kritik an der Retributionstherorie besteht darin, dass nach dem ihr zugrunde liegendem Vergeltungsprinzip das Ausmass der Schuld die Höhe der Strafe bestimmen soll. Die Autoren zweifeln an der Annahme, dass sich Schuld und Strafe miteinander aufwiegen lassen – plump gesagt – man kann Äpfel nicht mit Birnen vergleichen und Schuld nicht mit Strafe aufwiegen, es fehlt eine Theorie die ein „Ausmass an Strafe“ einer „Höhe der Schuld“ zuordnen kann. 

Im Buch wird als Alternative zur präventiven und retributivistischen Straftheorie eine „Vertragstheorie“ aufgestellt. Als Ausgangspunkt dient das Bedürfnis der Menschen nach körperlicher Unversehrtheit und Schutz ihrer materiellen Güter. Aus diesem Interesse entsteht das Bedürfnis nach einer Rechtsordnung. Daraus wird gefolgert, dass die Verwirklichung der oben genannten Interessen – Unversehrtheit und Schutz materieller Güter – nur möglich ist, wenn sich jeder einzelne an die Regeln hält und die Strafe als Konsequenz der Regelverletzung akzeptiert. Die Fairness des Vertrags ist laut den Autoren dadurch gegeben, da der Vertrag aus den Bedürfnissen der Vertragspartner heraus entstanden ist, die alle dem Vertrag unterliegen. Bestrafung dient in diesem Modell der Aufrechterhaltung dieser Rechtsordnung (also dem Schutz der Vertragspartner und ihrer Güter) und darf nur so weit gehen, dass die Schutzbedürfnisse verteidigt. Das Strafmass hat sich an der Schwere der Schuld zu orientieren. Es wird behauptet, dieser Ansatz habe den Vorteil gegenüber der Retributionstheorie, indem die Strafe ihre Legitimität aus den substantiellen Interessen der Vertragspartner hat und nicht aus der Schuld oder dem Verbrechen abgeleitet werden muss. Gegenüber dem präventiven Ansatz habe die im Buch skizzierte Theorie den Vorteil, das Strafmass nicht aus dem „allgemeinen Interesse an einer funktionierende Rechtsordnung“ abzuleiten sondern wie bereits erwähnt zur Aufrechterhaltung des „individuellen Schutzbedürfnisses“. 

Die Argumente mögen philosophisch gesehen korrekt sein, jedoch ob sich dadurch für die Alltagspraxis das Strafmass transparenter und einfacher quantifizieren lässt ist fraglich. Das grundlegende Problem, ein „faires Strafmass“ zu bestimmen, dass der „Höhe der Schuld“ entspricht, bleibt auch bei diesem Ansatz, auch wenn die Strafe im Gegensatz zur Retributionstheorie der Wahrung des Schutzbedürfnisses und nicht der Vergeltung dient. Etwas utopisch mag auch die Vorstellung sein, einen „fairen Vertrag“ aus den grundlegenden Schutzbedüfnissen der Leute zustande zu bringen. Denn schon existierende Machtstrukturen geben nicht allen „Vertragspartnern“ das gleiche Gewicht beim Vertragsabschluss. Ein Beispiel hierfür könnte ein Fabrikarbeiter in China sein, der seinen Anspruch auf Schutz der Gesundheit nicht einfordern kann, da seine Armut und die Armut vieler anderer, die eine Arbeitsstelle brauchen, ihn zwingt die unfairen Bedingungen des Arbeitgebers zu akzeptieren. Aber eine schöne Vorstellung ist es allemal, dass aus den Bedürfnissen der Individuen faire gesellschaftliche Spielregeln entstehen könnten. 

Weitreichende Konsequenzen für den Strafvollzug?

Den Autoren gelingt eine gut strukturierte, logisch nachvollziehbare Definition ihrer Vorstellung von Willensfreiheit. Sie gehen wiederholt auf die wichtigsten Abgrenzungen der verwendeten Begriffe ein – besonders bei Begriffen wie „Freiheit“ und „Bewusstsein“ist dies wichtig, da sie im Alltag je nach Kontext eine etwas andere Bedeutung aufweisen – was das Lesen soweit verflüssigt, dass man nicht – wie sonst üblich bei Fachliteratur – andauernd zurückblättern muss. Es ist den Autoren gelungen, ihr Fachgebiet in einer Sprache zu präsentieren die zwar gewisse Konzentration verlangt – jedoch nicht einer geschlossenen Gesellschaft mit entsprechender Vorbildung vorenthalten bleibt. Was jedoch ein wenig enttäuschend ist, sind die „weitreichenden Konsequenzen für das Strafrecht und Strafvollzug“, die auf der letzten Umschlagsseite angepriesen werden. Das Buch greift die Problematik der Verantwortlichkeit bei Straftaten auf, vermag jedoch keine wirklich neue praktisch anwendbare Verfahrensweise bei der Feststellung der „Schuldfähigkeit“. Auch wenn die Neurobiologie Kindheitstraumata oder genetische Veranlangungen, die zum Beispiel zu Gewalttätigkeit führen können mit neuronalen Vorgängen in Verbindung bringen kann, ist es dennoch so, das eine Veranlangung und ein Traumata nicht zur Gewalttätikeit führen muss. Die Frage wann für die Gewalttätikeit die Umstände „verantwortlich“ sind und wann die handelnde Person selbst zur Verantwortung gezogen werden kann, ist immernoch schwer zu bestimmen. „Schuldfähigkeit“ lässt sich auch mit den neuen Erkenntnissen kaum besser quantifizieren. Die Autoren leisten sich hier einen Ausblick, und mutmassen, dass in Zukunft, falls sich erweist, dass tatsächlich Gene und traumatisierende Erlebnisse die Fähigkeit zur Selbstkontrolle verringern, ein viel grösserer Anteil der Täter in die Kategorie „schuldunfähig“ fallen wird als dies heute der Fall ist. Wie man mit dieser Kategorie von Straftätern umgehen soll, bleibt jedoch offen. Die Frage stellt sich, inwiefern darf ein Subjekt einem anderen die Fähigkeit Verantwortung zu übernehmen absprechen, und wie soll trotzdem die Würde dieser Person gewahrt werden.

Posté par arschblog à 11:44 - Commentaires [0] - Permalien [#]


Commentaires sur Was ich sonst so mache in meiner Freizeit...

Nouveau commentaire